Was Mallorca 2026 klären muss
Nein, nach dem viel beschworenen Paradies, das man zu ertragen hätte, wenn man nach Mallorca kommt, fühlt sich das Leben auf der Insel für viele Menschen zum Jahresbeginn nicht an. Die Krisen scheinen sich zu vervielfältigen. Von Wohnungsnotstand bis Migration, von touristischer Überfüllung bis hin zur Eskalation der Tonlage in der Politik – was sich weltweit abzeichnet, davon bleibt auch Mallorca nicht verschont.
Wohnungskrise
Unter besonderem Zugzwang steht Ministerpräsidentin Marga Prohens. Alle bisherigen Versuche, die Not auf dem Wohnungsmarkt zu lindern, sind in den ersten zweieinhalb Jahren ihrer Amtszeit gescheitert. Bisher beschränkten sich die Projekte vor allem darauf, Anreize zu schaffen, damit Eigentümer ihre Wohnungen auf den normalen Mietmarkt zur Verfügung stellen und Privatfirmen auch preisgedeckelte Wohnungen bauen. Die Umsetzung aber erweist sich als sehr mühsam. Bislang kommen die Genehmigungsverfahren, wenn überhaupt, nur in Palma voran. Mit Son Güells und Son Puigdorfila sollen am Stadtrand über 3.600 Wohnungen entstehen.
Auf Mallorca soll viel gebaut werden. / DM
Ende 2025 kam wohl auch deshalb die ideologische Kehrtwende: Prohens erklärte, dass die Regierung jetzt auch selbst Sozialwohnungen bauen würde. Der nächste Schritt wäre, einen möglichen, aber bislang stets abgelehnten Mietpreisdeckel einzuführen. Fest steht: Ende des Jahres sollten dringend erste Ergebnisse vorzeigbar sein – wenn schon keine fertigen Wohnungen oder ein Rückgang der Mieten, dann wenigstens Rohbauten oder Spatenstiche, denn spätestens im Mai 2027 stehen die nächsten Regionalwahlen an.
Neuwahlen?
Inwieweit Prohens bis 2027 Zeit bekommt, um ihre Wahlversprechen umzusetzen, ist ohnehin unklar. Theoretisch hat sie gute Karten, um die Legislaturperiode auszusitzen, selbst wenn Vox die Unterstützung wie zuletzt komplett verweigert. Doch die politische Lage in Spanien ist generell volatil. Und Neuwahlen der Regierung in Madrid, die zumindest nicht auszuschließen sind, könnten einen Schmetterlingseffekt auf die Regionen haben.

Ministerpräsidentin Marga Prohens im Balearenparlament. / MIQUEL A. BORRÁS
Sollte es zu vorzeitigen Wahlen auf den Balearen kommen, wären vor allem die Sozialisten in Zugzwang. Wird Francina Armengol , die ehemalige Ministerpräsidentin und heutige Parlamentspräsidentin in Madrid, erneut die Landesliste anzuführen? Die Korruptionsskandale, die die Sozialisten erschüttern, haben auch sie zumindest gestreift – Stichwort Maskenkäufe. Armengol müsste einige unangenehme Fragen über sich ergehen lassen. Andererseits hat sie versäumt, Nachfolger auf der Insel aufzubauen. Ihre einstige rechte Hand Iago Negueruela gibt als Fraktionschef im Regionalparlament kein gutes Bild ab und wird aller Voraussicht nach in die Lokalpolitik nach Palma abgeschoben. Und die designierte neue Landeschefin der Partei, Amanda Fernández, ist knapp ein Jahr nach ihrer Ernennung höchstens Insidern ein Begriff.
Auch Vox hat noch ein paar Fragen zu klären. Mit Parlamentspräsident Gabriel Le Senne steht der Spitzenkandidat für die kommenden Wahlen zwar schon fest, er muss sich aber im Laufe des Jahres noch vor Gericht verantworten. Im Verfahren um seinen Ausraster im Balearen-Parlament im Juni 2024, bei dem er Bilder von Franco-Opfern zerriss, drohen ihm bis zu vier Jahre Haft wegen eines Hassdelikts. Sollte er verurteilt werden, müsste sich die intern tief zerstrittene Partei entscheiden, ob sie einen Straftäter aufstellt – oder in dem eher überschaubaren Kandidatenkreis eine Alternative findet.
Migration
Dabei sind die Rechtsextremen derzeit im Aufwind. Die Wahlen in Extremadura haben gezeigt, dass die Partei auf der Erfolgswelle der europäischen und US-amerikanischen Rechten mitschwimmt. Und dass die bisherigen Versuche der PP, mit Knallhart-Ansagen in Sachen Migrationspolitik Vox-Wähler zurückzuholen, nicht wirklich verfangen.

Eines der Migrantenboote, die in den vergangenen Monaten auf Mallorca ankamen. / EFE
Gerade auf Mallorca und den Nachbarinseln ist das Thema aktueller denn je. Denn während die Migration aus dem europäischen Norden und Lateinamerika dazu führt, dass die Bevölkerungszahl wächst und Ressourcen in den Bereichen Wohnraum, Wasser und Verkehr knapper werden, richtet sich der Blick weiterhin verstärkt aufs Meer. Mit mehr als 7.300 Personen gelangten 2025 so viele Menschen wie nie mit Booten von Algerien aus auf die Balearen. Die Balearen-Regierung fordert seit Monaten eine ständige Präsenz der Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache Frontex. Eine Entscheidung dahingehend steht noch aus. Die Zentralregierung sowie die EU handeln zumindest in den Augen der Regierung Prohens zu zögerlich. Dass die diplomatischen Beziehungen zwischen Spanien und Algerien seit einigen Wochen auch wieder auf Ministerebene laufen, eröffnet zumindest die Möglichkeit einer Zusammenarbeit in Sachen Migration nach Jahren der Untätigkeit. Mallorca und die Nachbarinseln stehen aber auch so weiter vor dem Problem: Wie bewältigt man solch einen Ansturm?
Verkehr
Einen anderen Ansturm muss der Inselrat in den Griff bekommen: Die Straßen Mallorcas sind sehr voll. Im vergangenen Jahr sorgte die Inselregierung mit einem Vorstoß für Furore: ein strenges Autolimit für die Insel. Dieses sieht unter anderem ein Limit und eine Sonderabgabe für Mietwagen vor. Zudem sollen Zweithausbesitzer ohne Residenz nur noch ein Auto auf der Insel haben dürfen – das auch hier gemeldet sein muss. Derzeit verhandelt die PP mit den anderen Parteien im Inselrat über die konkreten Schritte und sucht einen möglichst breiten Konsens. Sobald dieser steht, muss das Gesetz noch vom Runden Tisch für die Zukunftsgestaltung, vom Inselrat selbst und vom Balearen-Parlament verabschiedet werden.

Autoschlange vor Valldemossa im vergangenen Mai. / DM
Tourismus
Apropos Runder Tisch zur Zukunftsgestaltung. Dieser tagt zwar weiterhin. Handfeste Ergebnisse stehen aber über anderthalb Jahre nach dem ersten Treffen im Mai 2024 noch aus. Nach der jüngsten Sitzung im Dezember vergangenen Jahres, erklärte Marga Prohens, man werde bei den Treffen in den kommenden Monaten unter anderem über Änderungen bei der Steuer für nachhaltigen Tourismus (besser bekannt als Touristensteuer) debattieren.
Eine mögliche Erhöhung der Abgabe dürfte wenig Einfluss auf die Touristenströme haben, hat aber durchaus Symbolcharakter. Denn Prohens hatte im Oktober 2024 angekündigt, die Steuer zu erhöhen, als „Abschreckungsmaßnahme“, damit weniger Urlauber kommen. Was folgte, war ein Zickzack-Kurs und viele Relativierungen. Da Vox keine Erhöhung akzeptieren wollte, man aber auf die Stimmen angewiesen war, sah die Regierung wieder davon ab. Nun wird wieder diskutiert. An einem Runden Tisch, den wichtige Player auf Mallorca wie der Umweltverband GOB schon vor über einem Jahr verlassen haben. Das Projekt „Runder Tisch“ droht neben der Wohnungskrise der zweite große Flop der Legislaturperiode zu werden, wenn nicht bald handfeste Ergebnisse präsentiert werden. Da dürfte der Umstand, dass der Europäische Ausschuss der Regionen im Dezember einstimmig das von der Balearen-Regierung präsentierte Strategiepapier zum nachhaltigen Tourismus verabschiedet hat, nur ein schwacher Trost sein.
Auch der neue Tourismus-Dezernent im Inselrat, Guillem Ginard, hat bis zu den Wahlen 2027 noch einige Aufgaben zu erledigen. Aus Branchensicht sicher am dringlichsten: der Kampf gegen die illegale Ferienvermietung. Sein Vorgänger José Marcial Rodríguez hatte zahlreiche Strafverfahren verbummelt. Kein gutes Bild angesichts der vielen Ankündigungen, man werde dieser Art Angebote unterbinden.

Die ETV-Plakette weist alle legalen Ferienvermietungsobjekte aus. / Hans-Maximilian Wolski
Zum anderen ist da die Sache mit den Ferienvermietungslizenzen. Während die Vergabe von Gästebetten im Hotelbereich reibungslos funktionierte, herrschte bei den Ferienhäusern Chaos. Technische Probleme und eine widersprüchliche Informationspolitik sorgten wochenlang für Ärger. In einer seiner letzten Amtshandlungen kündigte Rodríguez an, die eigentlich dreimal im Jahr stattfindende Vergabe der Lizenzen bis auf Weiteres zu vertagen. Inwieweit der in Tourismusfragen unerfahrene Ginard die Prozesse schnell auf den Weg bringt, bleibt abzuwarten.
Der Tourismus schleicht sich derweil auch auf den Bauernhöfen ein. Das neue Landwirtschaftsgesetz, das in diesem Jahr verabschiedet werden soll, sieht eine Erweiterung des Konzepts „Urlaub auf dem Bauernhof“ vor. Bis zu zehn Personen sollen nach der neuen Regelung in landwirtschaftlichen Betrieben unterkommen. Ziel der Maßnahme ist es, die Höfe rentabler zu machen. Die Landwirtschaft ist in der Krise. Zwischen 2013 und 2023 sind 28.500 Hektar Anbaufläche verschwunden – oftmals zugunsten von weitläufigen Villen auf dem Land.
Wasser
Und der steigende Wasserverbrauch, gepaart mit länger werdenden Dürreperioden, macht das Leben der Inselbewohner auch nicht leichter. Welche Folgen dies in der Praxis hat, sieht man jeden Sommer. In vielen Gemeinden der Insel wird die Versorgung mit Leitungswasser rationiert oder stundenweise unterbrochen. Pools dürfen nicht gefüllt, Gärten nicht gegossen werden. Und die Einfuhr von Wasser per Tanklastwagen ist aus finanziellen Gründen keine Dauerlösung.
Kulturhauptstadt
Angesichts der Gemengelage bleibt also fast nur zu hoffen, dass wenigstens Palma sich als Europäische Kulturhauptstadt 2031 qualifiziert. Auch diese Entscheidung steht in diesem Jahr an. Es würde große Investitionen im Kulturbereich mit sich bringen und wäre – zumindest für die Konservativen – ein echter Lichtblick in diesen unsicheren Zeiten.
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