KI statt Sprachkurs? Wie Übersetzungs-Apps den Mallorca-Alltag erleichtern – oder erschweren
Eroski-Filiale in Cala Ratjada: Test-Start. Ich tue so, als spräche ich kein Spanisch und schicke Google Translate vor. „Entschuldigung, haben Sie auch Sobrassada?“, spreche ich auf Deutsch in die App. „Disculpen, tienen una brazada?“, ertönt es aus dem Lautsprecher des Handys. Der junge Verkäufer schaut mich verstört an, schüttelt unsicher den Kopf. Ich wiederhole die Frage. „Sobrassada?“, fragt er – aber nur, weil er mir zugehört hat. Mein Smartphone hat schon wieder etwas von brazada gefaselt – dabei dürften Schwimmzüge im Supermarkt rar sein. Der junge Mann bringt mir die gewünschte Paprikawurst, ich lächle, gebe mich als spanischsprachig zu erkennen. „Diese Programme bringen uns noch um“, sagt er, jetzt auch lachend.
Wunder im Chinesen-Supermarkt
Ja, mag sein. Aber bis dahin ist künstliche Intelligenz bei Fremdsprachenübersetzungen sicher nützlich. Nicht umsonst hat Apple jetzt eine neue KI-Dolmetscher-Funktion für die Airpods herausgebracht – angeblich ein Simultanübersetzer im Ohr auf Höchstniveau, wie Testberichte nahelegen. Revolutionär.
So elaboriert ist meine technische Ausstattung noch nicht. Ich setzte auf kostenlose Handy-Apps. Zweiter Testort: Chinesen-Supermarkt. Hier muss ich keine Spielchen spielen; außer „Hallo“ kann ich wirklich kein Wort Chinesisch. Diesmal frage ich ChatGPT, Sprachmodus. „Sag auf Chinesisch: Haben Sie Brot?“ Kurz ist es still, dann klingt etwas wie „ninjonimbauma?“ aus dem Gerät. Erwartungsvoll starre ich den Verkäufer an. Und – oh Wunder. Er deutet auf die Baguettes im Regal. Ich strahle. Er wendet sich desinteressiert ab. Nachdenklich und mit meinem Baguette unterm Arm verlasse ich den Laden. War die Übersetzung jetzt gut? Oder konnte der Mann einfach Deutsch?
Freiheit – oder was?
Wie auch immer. Wo Sprachen früher Barrieren waren, herrscht heute – Freiheit. Also irgendwie jedenfalls. Theoretisch. Immerhin: Bei fast all meinen anderen Alltagstests, auch auf Mallorquinisch und Englisch, schlagen sich die KI-Programme wacker – zumindest, soweit ich das erfassen kann. Und ja, irgendwie verzückt es mich, wie mühelos und natürlich einige Chatbots heutzutage Konversation machen können – egal in welcher Sprache. Wahnsinn.
Dass KI-Programme auch im schriftlichen Übersetzen eine enorme Hilfe sind, daran habe ich mich bereits gewöhnt. Auch im MZ-Redaktionsalltag nutzen wir sie. Nicht, weil wir Redakteure kein Spanisch könnten. Sondern weil es einfach schneller geht, wenn man Pressemitteilungen oder andere Textquellen schon einmal auf Deutsch vorliegen hat. So als Grundlage. Keine Frage: KI macht nicht nur bequem, sondern macht vieles schneller, leichter.
Branchen-Killer
Oder schwerer, je nach Perspektive. Alejandro Jordà Langfeldt bereiten die neuen Technologien vor allem eins: Kopfzerbrechen. Sie nehmen ihm nicht nur Arbeitsschritte ab – sondern einen Großteil seines Kundenstamms.
Es war 1987, als der Halbmallorquiner mit norwegischer Mutter in Palma das Übersetzungsbüro Langfeldt aufmachte. „Anfangs noch mit dem Fax-Vorgänger Telex“, erzählt er. In Hochphasen beschäftigte er 15 Menschen. Profis, die alles übersetzten, was es so zu übersetzen gab. Werbetexte, Web-Texte, Bedienungsanleitungen, private Dokumente … Lange ist’s her. 15 Jahre bestimmt. „Dann kamen die computerbasierten Hilfsprogramme, bei denen der Übersetzer noch viel eingreifen musste.“ Eine „Koproduktion von Mensch und Maschine“.
Und seit Kurzem jetzt auch noch die KI. Zwei feste Mitarbeiter sind bei Langfeldt noch geblieben, dazu Freelancer. „Die Auswirkungen der KI auf die Übersetzungsbranche sind enorm“, fasst Jordà zusammen. „Und schmerzhaft.“ Die Arbeit in der Agentur bestehe fast nur noch aus der Übersetzung beglaubigter und amtlicher Dokumente – dazu sind KI-Programme noch nicht befugt. Nicht, dass Jordà die Technik ganz ablehne. „Wir nutzen KI manchmal zum abwägen oder vergleichen. Es kann ein gutes Werkzeug sein. Aber auch ein sehr schlechtes, wenn man es blind benutzt. Teilweise sind die Resultate lächerlich. Und gerade bei fachspezifischen Texten kann die Maschine gar nicht die richtigen Worte finden.“
Wenn gut nicht mehr als gut erkannt wird
Und dann sei da ja noch das Schönschreiben, sagt Jordà und klingt wehmütig. Er, der sich doch immer darum bemüht hat, die perfekten Texte zu kreieren. Heute sei das kaum noch gefragt. Bei Online-Texten gehe es nur noch um Suchmaschinenoptimierung. „Und Mallorcas Tourismusbranche hat schon immer mehr auf Kosteneinsparung als auf Qualität gesetzt. Jetzt erst recht. Aber wie sollen die Menschen auch gute Texte erkennen, wenn sie selbst nicht mehr lesen?“ Was ist, wenn gut nicht mehr als gut gilt – aus Ignoranz? Der 64-Jährige lacht resigniert. „Fast schon eine philosophische Frage, oder?“
Ist es die Nostalgie des alternden Sprachliebhabers, die da aus ihm spricht? Oder stimmt es? Macht uns die KI im Umgang mit Sprachen nicht nur bequemer, sondern auch einfältiger, dümmer, anspruchsloser? Ja, schreit die Journalistin in mir. Sprachliche Brillanz, kritisches Denken – wo bleibt das alles? In einer Gesellschaft, die lieber ChatGPT fragt statt Qualitätsmedien. Soll das die Zukunft sein? Die Gegenwart? Und zurück zu den Fremdsprachen: Sind die Sprachkurse bald leer? Fremdsprachen-Skills künftig einfach nicht mehr gefragt? Haben die deutschen Auswanderer, die auch nach 20 Jahren Mallorca kaum ein Wort Spanisch sprechen, letztlich gut daran getan, sich die Mühe zu sparen?
Verdummung vorprogrammiert?
Anruf bei Caroline Lehr. Wenn jemand Sprachen liebt, dann ja wohl sie. Linguistin. Professorin für Übersetzungswissenschaft. Ihr Forschungsschwerpunkt an der Hochschule Zürich (ZHAW): Einsatz von KI in der mehrsprachigen Kommunikation. Nein, versichert sie mir. KI führe nicht dazu, dass die Menschen keine Fremdsprachen mehr erlernen und verblöden. Zumindest nicht automatisch – und sicher nicht bei allen.
„Übersetzung war schon immer als Hilfestellung gedacht, aber nie, um Sprachenlernen zu ersetzen“, fährt Lehr fort – und hat natürlich recht. Über der Frage, ob man mit oder ohne KI in einer fremden Sprache kommuniziert, steht die nach den eigenen Ansprüchen. Will man Neues wissen? Will man selbst denken? Nicht abhängig sein von einer Maschine, die ihre Ergebnisse allein auf Berechnung und Wahrscheinlichkeiten aufbaut statt auf Verstehen?
„Sprache lernen bedeutet immer auch, die Kultur zu verstehen, die sie ausdrückt. Man lernt Empathie und neue Perspektiven. Das erzeugt eine Verbindung, die die Technologie nicht ersetzen kann“, versichert Lehr. Überhaupt sei Kommunikation weit mehr als nur Sprache. Nonverbale Gestik und Mimik, kulturelle Konventionen. „Wer sich allein auf die Programme verlässt, ist nicht nur auf sie angewiesen, sondern wird durch sie auch abgelenkt. Das kann den Beziehungsaufbau behindern.“
Anreiz für Gehemmte
Mit KI-basierten Programmen kann man auch prima Sprachen lernen / Nele Bendgens
Was nicht heißt, dass sie in bestimmten Situationen nicht durchaus nützlich sein könnten. In Alltagskonversationen im Ausland genau wie beim Erlernen der Sprachen. Für manche Menschen, die sich selbst als sprachlich wenig talentiert empfinden oder Hemmungen haben, könnten KI-basierte Apps sogar zusätzlich motivieren, Spanisch oder Mallorquinisch zu lernen. „Mit Chatbots kann man super trainieren“, versichert Lehr. Zu Hause im stillen Kämmerlein die Aussprache und den Kommunikationsfluss. Und bei realen Gesprächen auf der Straße oder im Supermarkt das Selbstvertrauen. „Vielen hilft es schon, zu wissen, dass sie notfalls auf das Handy zurückgreifen könnten. Auch das baut Hemmungen ab.“
Und auch gesamtgesellschaftlich habe die technologische Entwicklung ja etwas Gutes, findet die Sprachwissenschaftlerin. „Mit wenigen Klicks erhalten Menschen Zugang zu Inhalten, die ihnen früher verschlossen waren. Das bietet viele Chancen, auch im Rahmen der Bildung.“
Herr der Dinge bleiben
Und die Menschen in der professionellen Übersetzerbranche? Die müssten eben umdenken, umstrukturieren. Routineaufgaben an Maschinen abgeben, sich selbst den komplexesten Themen widmen. Strategischere Positionen übernehmen. Über den Maschinen stehen, die Abläufe managen. Mehr kuratieren statt produzieren. „Wichtig ist, kritisch und Herr der Dinge zu bleiben, aber gleichzeitig das Potenzial zu nutzen“, sagt Lehr.
Aus ihrem Mund klingt es neugierig, erwartungsvoll, nicht resigniert und zerknautscht. „Die Übersetzerbranche hat es als eine der ersten getroffen, aber es ist auch eine Chance“, geht sie weiter. Vielen anderen Berufsgruppen, die erst mit der Zeit tiefgreifend durch die KI verändert werden, habe sie etwas voraus. Teamplay von Mensch und Maschine – an den Sprach-Unis heute längst Teil des Lehrplans.
Wir entscheiden
Risiken einschätzen lernen, die Kontrolle behalten, sich selbst mehr qualifizieren, statt sich faul zurückzulehnen, neue Möglichkeiten ausschöpfen – all das sagt auch Kishor Sridhar. Der Kommunikationsexperte aus Marl lebt selbst in einem mehrsprachigen Haushalt. Auch er nutzt KI, um beispielsweise seine Russischgrundkenntnisse auszubauen. Anbieter wie „TalkPal“ und „ElsaSpeak“ seien dabei eine große Hilfe. „Auch deshalb, weil man sich von der KI nicht persönlich kritisiert fühlt, wenn sie einen beim Üben verbessert.“
Dennoch ist seine Einstellung zu KI im Fremdsprachenkontext klar: „KI ist ein Tool, das uns bei vielem helfen kann. Auch dabei, Menschen mit anderem Sprachhintergrund näherzukommen. Trotzdem müssen wir erkennen, was uns menschlich ausmacht. Der Mensch war nie so wichtig wie heute.“ Heimat zu erfahren, sei ohne Sprache schwer – auch, mit dem Alleswisser Smartphone in der Tasche.
“Menschheit neigt dazu, faul zu sein”
Die Gefahr der Verdummung – auch Sridhar sieht sie nur latent. „Die Menschheit neigt generell dazu, sich zu sehr auf Technologien zu verlassen und faul zu sein. Das ist wie beim Autofahren. Es ist sehr hilfreich, aber wenn wir gar nicht mehr zu Fuß gehen, ist es ungesund.“ Wer sich allein auf die KI verlasse, verliere das Menschliche. Wer sie ganz ablehne, bleibe zurück. „Da muss jeder selbst sehen, wieder ins Mittel zu kommen.“ Und je nach Situation entscheiden. „Wer auf Mallorca nur im Urlaub ist und ein Schild mit seinem Handy übersetzt, für den ist die Technik klasse. Aber wer länger dort leben möchte und auch Kontakt zu Einheimischen will, der kommt nicht umhin, zumindest die Grundzüge der Sprache zu erlernen“, sagt Kishor Sridhar.
Ja. Vermutlich hat er recht. KI ist kein Monster. Kein böses Wesen, das uns dazu zwingt, zu verblöden und nichts mehr zu lernen. Wir entscheiden selbst. Genau so, wie es schon immer war. Die einen werden weiter Sprache lieben, die anderen werden sie weiter ablehnen. „Man kommt ja durch mit Deutsch, nech?“ Wieder andere werden anfängliche Bemühungen aufgeben und ihrem Smartphone das Feld überlassen. Und einige, die eigentlich nicht sprechen würden, tun es bald dank der KI.
Delikate Feinheiten
Ein Test-Erlebnis noch. Ich, ein Bekannter und Google Translate: „Hallo. Ich bin neu auf Mallorca. Willst du mein Freund sein?“ „Hola. Soy nueva en Mallorca. Quieres ser mi novio?“ Novio? Äh, ich meinte eher einfach nur Kumpel. Aber hey. Sprachliche Feinheiten werden doch überbewertet.
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