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Wie die Wohnungsnot eine ganze Gesellschaft in die Enge treibt

Wie die Wohnungsnot eine ganze Gesellschaft in die Enge treibt

Wer auf Mallorca heute eine Wohnung sucht, konkurriert nicht mehr nur mit Nachbarn, Kollegen oder Studenten. Er konkurriert mit der Insel selbst. Mit ihrem Ruf, ihrem Klima, ihrem Lebensgefühl. Und mit einer Nachfrage, die längst größer ist als das, was eine begrenzte Insel wirtschaftlich verkraften kann. „Es gibt ein großes Ungleichgewicht zwischen den Gehältern und den Lebenshaltungskosten”, sagt Laura Pérez von der Plattform „Mallorca no es ven”(„Mallorca ist nicht zu verkaufen”). Das klingt nüchtern – beschreibt aber eine ökonomische Schieflage, die sich 2025 weiter verschärft hat und inzwischen bis tief in die Mittelschicht reicht.

„Es herrscht eine echte Wohnungsnot”, bestätigt Pau A. Monserrat, Ökonom und Professor an der Universität der Balearen. Seine Diagnose ist klar: „Die Nachfrage nach Wohnraum, sowohl zum Kauf als auch zur Miete, ist sprunghaft angestiegen, während das Angebot weit hinterherhinkt.” Mallorca ist damit ein Lehrbuchbeispiel für einen Markt, in dem Preissteigerungen nicht mehr durch Qualität oder Mehrwert entstehen, sondern durch strukturelle Knappheit.

Die Zahlen untermauern das Problem. 2024 entstanden auf den Balearen fast 10.000 neue Haushalte, gebaut wurden laut der spanischen Immobilienberatervereinigung ACI jedoch weniger als 3000 Wohnungen. Der Markt reagiert logisch: Preise steigen, Auswahl sinkt, Verdrängung nimmt zu. „Mallorca leidet weiterhin unter einer Wohnungsnot”, sagt Sandra Verger, Generaldirektorin des Bauunternehmerverbandes der Balearen. Ursache sei ein „starkes Ungleichgewicht zwischen einem knappen Angebot und einer sehr hohen Nachfrage”.

Arbeiter finden kaum bezahlbare Unterkünfte

Neu ist dabei weniger die Knappheit als ihre wirtschaftliche Wirkung. Unternehmen berichten zunehmend von Problemen, Personal zu finden oder zu halten, weil Mitarbeiter keinen Wohnraum finden. Für eine Insel, deren Wirtschaftsmodell auf Dienstleistungen und Tourismus basiert, wird der Wohnungsmarkt damit zum Standortfaktor. Monserrat spricht von einem „systemischen Risiko”, weil hohe Mieten Kaufkraft binden, Konsum dämpfen und soziale Mobilität einschränken. Wohnen wird so nicht nur zur privaten Belastung, sondern zur gesamtwirtschaftlichen Bremse.

Doch die Krise ist nicht nur eine Frage fehlender Neubauten. Sie ist das Ergebnis jahrelanger politischer und planerischer Versäumnisse. „Die Behörden haben keinen Bestand an Sozialwohnungen geschaffen, der diejenigen versorgt, die keinen Zugang zum freien Markt haben”, kritisiert Monserrat. Besonders brisant: Gerade die Wohnformen, die für Normalverdiener entscheidend wären – Mehrfamilienhäuser und Sozialwohnungen – wurden über Jahre kaum realisiert. „Sozialwohnungen wurden seit Jahren praktisch keine mehr gebaut”, bestätigt Verger.

Selbst gutes Gehalt reicht nicht aus

Währenddessen geraten immer mehr Menschen unter Druck, die bislang nicht als Risikogruppe galten. „Die meisten Mallorquiner durchleben eine kritische Zeit”, warnt Àngela Pons von der Plattform für Hypothekenopfer PAH. Betroffen seien nicht nur sozial Schwache, sondern auch Menschen mit stabilem Einkommen. „Selbst mit 2000 Euro reicht es oft nicht, um eine Wohnung zu mieten oder zu kaufen.” Besonders dramatisch: Mehr als 24.400 Mietverträge laufen 2026 aus – zu Preisen, die viele Haushalte nicht mehr tragen können.

Auch die Immobilienwirtschaft selbst sieht den Markt an einem Kipppunkt. José Miguel Artieda, Präsident der Immobilienmaklerkammer der Balearen, nennt die Situation „besorgniserregend”. Die Preise lägen auf nationalen Rekordwerten, gleichzeitig gebe es „nur wenige verfügbare Objekte von geringer Qualität für die Einwohner”. Wer heute etwas findet, zahlt viel – und bekommt oft wenig. Alte Bausubstanz, schlechte Lagen, kaum Alternativen.

„Übermäßiger Bevölkerungsanstieg”

Für Artieda ist der Wohnungsmarkt zudem ein Spiegel demografischer Fehlsteuerung. Ein „übermäßiger Bevölkerungsanstieg” habe den Bestand erschöpft. Dass man diese Entwicklung nicht antizipiert habe, sei ein politisches Versäumnis. „Ibiza hat schon vor Jahren gewarnt”, sagt Artieda. Doch statt als Warnsignal sei die Entwicklung dort als Erfolgsgeschichte missverstanden worden.

Monserrat ergänzt eine weitere Dimension: Mallorca konkurriert nicht nur intern um Wohnraum. „Etwa ein Drittel der Kaufverträge entfällt auf Käufer aus anderen europäischen Ländern.” Hinzu kommen Tausende Saisonarbeiter, die jedes Jahr benötigt werden, um Tourismus und Dienstleistungen am Laufen zu halten. „All das führt zu einem chronischen Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage – und erklärt die exorbitanten Preise.”

Diese Schichten trifft es besonders hart

Besonders hart trifft es junge Menschen unter 30, Rentner, Alleinerziehende und die untere Mittelschicht. „Die Hauptopfer sind junge Erwachsene, die seit 2016 mit steigenden Preisen erwachsen geworden sind”, sagt Artieda. Kaufen sei für sie keine Option, Mieten oft nur noch in Wohngemeinschaften möglich. Selbst die klassische Mittelschicht, so Monserrat, stoße heute „auf Hürden, weil die Preise viel schneller steigen als die Löhne”.

Mallorca exportiert weiter Sonne, Lebensqualität und Sehnsucht. Doch im Inneren produziert die Insel vor allem eines: Knappheit. Und genau sie ist längst zum teuersten Gut geworden – für eine Gesellschaft, die sich ihr eigenes Zuhause kaum noch leisten kann.

Caio Rocha

Sou Caio Rocha, redator especializado em Tecnologia da Informação, com formação em Ciência da Computação. Escrevo sobre inovação, segurança digital, software e tendências do setor. Minha missão é traduzir o universo tech em uma linguagem acessível, ajudando pessoas e empresas a entenderem e aproveitarem o poder da tecnologia no dia a dia.

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